Ecken und Kanten für Prominente
10.01.2011 | Porträt | Bundesrat, Fasnacht, Holz, Maske, Maskenschnitzer, Schindellegi, Schnitzen, Schreiner, Schwyz, VSSM«Mit Johann Schneider-Ammann und Simonetta Sommaruga gibt es ein Problem: Die beiden neuen Bundesräte sind keine Charakterköpfe, es fehlen prägnante Ecken und Kanten», sagt Ruedi Kyburz, der nicht etwa Politberater ist, sondern selbständiger Möbelrestaurator und Maskenschnitzer. In seinem Atelier in Schindellegi liegt derzeit der Kopf der amtsjüngsten Bundesrätin aus Lindenholz und lässt die Behandlung mit Klöppel und Schnitzmesser seelenruhig über sich ergehen.

Bald kriegt die Maske einen Platz in der ausgesuchten Ecke neben den anderen Ratsmitgliedern. Seit 2007 hat Ruedi Kyburz nämlich Masken von allen neuzeitlichen Bundesrätinnen und Bundesräten kreiert. Daneben hängen weitere Prominente aus dem In- und Ausland. Muammar al-Gaddafi, Chris von Rohr und Simon Ammann grinsen ebenso von den Wänden wie die bekannten Figuren HD Läppli, Fredi Hinz und Debbie Mötteli. «Gerade die Sujets von Viktor Giacobbo haben mich in meiner Arbeit besonders inspiriert», erklärt der 58-Jährige.
Jedes Jahr zeigt er sich zusammen mit einer Gruppe von Gleichgesinnten an unzähligen Fasnachtsanlässen in der Zentralschweiz. Und zwar in stets wechselnden Rollen, weil das spannender ist und er sonst zu schnell erkannt wird: «Zu einfach will ich es den Zuschauern nicht machen. Ich studiere jeweils auch die Sprache, die Körperhaltung, die Gangart und typische Gesten meiner Figuren, damit ich möglichst authentisch rüberkomme.»
Zu den Masken ist Ruedi Kyburz eher zufällig gestossen. Nach seiner Jugendzeit in Erlinsbach, einer Schreinerlehre in Rombach bei Küttigen und Arbeitsstellen im Wallis sowie der Region Zürich landete er als Restaurator beim Holzbildhauer Josef Blattmann in Wollerau. Da kam er zum ersten Mal in Kontakt mit dem Maskenbrauchtum. Und als ihn die lokale Fasnachtsgesellschaft von Schindellegi vor 24 Jahren für die Produktion einer Maske gewinnen konnte, war es um ihn geschehen. Das Virus packte ihn: «Die Fasnacht ist eben mehr als nur ein faszinierender Brauch. Sie ist auch ein wichtiges Ventil. Sie gibt einem einmal pro Jahr die Möglichkeit, sich anders zu geben als im Alltag und eine ungewöhnliche Rolle auszuprobieren. Das tut mir sehr gut und erspart mir jeden Psychiater.»
Bereits seit 19 Jahren leitet der gebürtige Aargauer regelmässig Schnitzkurse für Laien. Diese sind äusserst beliebt und locken von der Hausfrau über den Arzt bis zum Manager ein sehr unterschiedliches Publikum an. Ruedi Kyburz vermutet hinter dieser hohen Nachfrage die Entwicklung unserer Zeit: «Viele Leute bewegen sich im Alltag immer weiter weg von der Handarbeit und beginnen plötzlich das Kreative zu vermissen.» Auch er selbst schätzt das Schnitzen als Ausgleich zu seinem Beruf: «Als Restaurator geht es nicht darum, mich und meine Ideen zu verwirklichen, sondern Altes zu erhalten und aufzufrischen. Die Masken kann ich jedoch frei gestalten und ihnen eigenes Leben einhauchen.» Wer den Gesamtbundesrat von Ruedi Kyburz gerne mal in Aktion sehen möchte, geht am besten am Fasnachtssamstag nach Goldau. Wo die Gruppe sonst noch anzutreffen ist, verrät der Fasnächtler nicht. Nur ein Geheimnis lüftet er noch: «Für ein paar Tage im Jahr ein Bundesrat zu sein ist schön. Aber ebenso gerne hänge ich das Amt nach der Fasnacht jeweils wieder an den Nagel. Und zwar wörtlich.»
Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich in der Schreinerzeitung erschienen.
Ähnliche News
Noch keine Kommentare.