Rennfahrer, nicht Raser
22.11.2010 | Porträt | Audi, Auto, DTM, Einsiedeln, Holz, Marcel Fässler, Rennsport, Schwyz, Sport, VSSMGerade mal sieben Jahre alt war Marcel Fässler, als er das erste Mal ans Steuer eines motorisierten Go-Karts sass. Es war die Idee seines Vaters, der früher mit Rennwagen Bergrennen und Slaloms gefahren war. Das Virus heulender Motoren übertrug sich schnell vom Vater auf den Sohn.

Während Kollegen an ihren Töfflis herumbastelten, trainierte der Einsiedler als Jugendlicher Wochenende für Wochenende auf der Kartbahn. «Meine Go-Karts habe ich immer eigenhändig und mit grosser Begeisterung auf die Rennen vorbereitet. Mich faszinierte die feine, empfindliche Technik dieser Fahrzeuge. Bei Strassenwagen ist im Vergleich dazu vieles gröber. Deshalb reizte mich auch der Beruf als Automechaniker nie.»
Entgegen dem Ratschlag seines Vaters, der Bodenleger lernte und die Naturo Kork AG gründete, entschloss sich Marcel Fässler für eine Lehre als Innendekorateur. Und hatte somit wie sein Vater ebenfalls mit Bodenbelägen zu tun. Daneben forcierte er in jeder freien Minute sein Training für den Rennsport. Im Alter von 17 Jahren trat er in die berühmte Rennfahrerschule École Winfield in Frankreich ein. Nachdem er 1996 in der französischen Formel Renault Rookie of the Year – also bester Neuling des Jahres – wurde und 1999 in der Deutschen Formel 3 den zweiten Gesamtplatz erreichte, nahm ihn Mercedes als Profi unter Vertrag für die Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM).
Ein einziges Mal konnte er in Barcelona sogar einen Formel-1-Wagen von McLaren testen. «Klar träumte auch ich als Junge von dieser Königsklasse. Doch dorthin schaffen es nur sehr wenige. Es braucht neben grossem Können auch viel Glück, dass zur richtigen Zeit ein Platz in einem der Rennteams frei wird.» Marcel Fässler hatte Letzteres leider nicht. Doch selbst in der DTM fuhr er gegen Legenden wie Jean Alesi, Heinz-Harald Frentzen oder Mika Häkkinen. Und es war überhaupt nicht so, dass diese Fahrer ihn regelmässig links oder rechts stehen liessen und auf dem Podest landeten.
Den bisher grössten Erfolg feierte er dieses Jahr zusammen mit zwei weiteren Fahrern mit dem zweiten Platz am 24-Stunden-Rennen von Le Mans. In einem Audi R15 TDI bretterte er in Schichten von zweieinhalb bis drei Stunden jeweils mit bis zu 340 Kilometern pro Stunde über die Rennstrecke. Damit die Konzentration und der Körper diese Strapazen überhaupt mitmachen, trainiert Marcel Fässler täglich zwei bis drei Stunden. Besonders wichtig sind Nacken und Rumpf. In seiner Karriere ist er bisher glücklicherweise nie ernsthaft verletzt worden, selbst nicht bei einem Rückwärtsaufprall in eine Wand mit 190 Kilometern pro Stunde vor zwei Jahren in Le Mans.
Als 34-jähriger Vater von vier Töchtern weiss Marcel Fässler, dass seine Rennkarriere nicht ewig dauern wird: «Mit dem Rennsport habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Sowas lässt man natürlich nicht gerne los. Dennoch habe ich mich bereits auf die Zeit danach vorbereitet.» Die Naturo Kork AG ermöglicht ihm Erfahrung zu sammeln und sich langsam einzuarbeiten. Zudem gibt er als Instruktor seine bewährte Technik in Fahrkursen an interessierte Autofahrer weiter. Der Profi würde es begrüssen, wenn es in der Schweiz wieder Rennstrecken gäbe. Nicht unbedingt für grosse Rennen, sondern für Trainings und Kurse. Er ist überzeugt, dass solche Projekte die Strasse in der Schweiz sicherer machen würden: «Wer wie ich den Wunsch hoher Tempi auf der Rennstrecke auslebt, muss das nicht auf öffentlichen Strassen tun. So kriege ich höchstens mal eine Parkbusse, aber niemals Strafen wegen überhöhter Geschwindigkeit.»
Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich in der Schreinerzeitung erschienen.
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