Handwerk und Geschichte verbinden
18.07.2009 | Porträt | Basel, Holz, Kunst, Museum, Schreiner, Spielsachen, VSSM
Im Atelier von Wolfgang Loescher liegt ein antikes Spielzeug, das wohl schon manches Kinderherz höher schlagen liess: «Der Flipperkasten stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Spielfläche ist mit Rosenholzfurnier gestaltet. Ich restauriere das Spielzeug, weil das Furnier stellenweise in einem schlechten Zustand ist und der Ziergiebel abgebrochen ist.»
Seit 2003 ist der 42-Jährige im Historischen Museum Basel für die konservatorischen Aufgaben sämtlicher Objekte aus Holz zuständig. Dazu gehören neben1500 Möbeln auch Kutschen, Schlitten, Skulpturen und Musikinstrumente. Sie alle sind in einer Datenbank erfasst: «Wir wissen bei allen Sammlungsstücken, wo genau sie gelagert werden und was wann daran verändert worden ist. Das ist insbesondere für spätere historische Recherchen wichtig.»
Grundsätzlich sollen die Sammlungsstücke mit Hilfe der Konservierung in ihrem zeitgemässen Zustand erhalten und möglichst nicht verändert werden. Manchmal geht das aber nicht: «Wenn sehr starke optische Beeinträchtigungen vorliegen, kommt es vor, dass wir fehlende Teile ergänzen. Das bleibt aber zumindest für Fachleute immer sichtbar. Denn wir wollen keine Fälschungen schaffen.»
Die Verknüpfung von handwerklicher Kunst und historischen Fragen reizte den gelernten Schreiner seit jeher. Nach einem Auslandaufenthalt entschied sich der gebürtige Rheinländer deshalb für die Weiterbildung zum Restaurator in Nürnberg sowie Studien in Geschichte, Denkmalpflege und Kunstgeschichte: «Ich habe in Italien für eine Firma gearbeitet, die aus altem Eichenholz historische Stilmöbel nachbaut. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich lieber restauriere, als dass ich neue Möbel herstelle.»
Im Museum arbeitet er mit einem Pensum von 50 Prozent. Das genügt für die meisten anfallenden Aufgaben. Vereinzelt kann er bei grösseren Restaurationsprojekten auch auf externe Fachleute zugreifen.
In der restlichen Zeit kümmert er sich zu Hause um seine beiden 14-jährigen Zwillinge oder verfolgt die Spuren früherer Meister des Schreinerberufs. Denn seine berufliche Tätigkeit reicht bis weit in seine Freizeit hinein: «Ich recherchiere zurzeit gemeinsam mit dem Historiker Stefan Haas für eine historische Publikation, die 2011 erscheinen wird. Darin wird das Handwerk der Basler Schreiner von der Spätgotik bis zur Helvetik, also bis zum Ende des 18. Jahrhunderts thematisiert.» Es geht darin nicht nur um kunstvolle Werke, sondern auch um Zunfttraditionen, Werkzeuge und Hilfsmittel. Zum Beispiel das Mass zum Meisterstück, eine Basler Besonderheit. Eine Holzleiste, die nicht nur die offizielle Zulassung zur Meisterprüfung war, sondern auch gleichzeitig die Masse des Prüfungsstücks vorgab. Ein Teil der Forschungstätigkeit kann er während der Arbeitszeit erledigen, viel fällt aber auch in seine Freizeit: «Wenn ich in Archiven nachforsche oder andere Museen besuche, steckt da immer ein Teil Beruf und ein Teil Freizeit drin. Ganz klar trennen lässt sich das nicht.»
Wenn es die Zeit erlaubt, steht Wolfgang Loescher auch gerne an der Drehbank. Er drechselt von Schalen und Schüsseln bis hin zu Schmuck. Jedoch nur für seinen Bekanntenkreis und stets aus einheimischen Hölzern. «Für mich ist dies ein gelungener Ausgleich zu meinem Beruf als Restaurator. Während ich mich bei meiner Arbeit immer zurückhalten und die Werke anderer Schreiner in ihrem Sinn bearbeiten muss, kann ich bei meinen Drechselarbeiten jeweils selber was Neues schaffen und meine eigene Kreativität einfliessen lassen. Das tut gut.»
Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich in der Schreinerzeitung erschienen.
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