Passion statt Pension

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Wer an Schweizer Wein denkt, sieht vor sich die ausgedehnten Hänge der Lavaux über dem Genfersee oder die Rebberge im Unterwallis, im Berner Seeland, der Bündner Herrschaft und im Tessin, kaum aber Traubenstöcke im Urnerland. Doch genau dort produziert Alois Schuler seit 20 Jahren erfolgreich Wein.

Inspiriert worden ist der 63-jährige Altdorfer im Waadtland. Nach seiner Weiterbildung zum Schreinermeister 1972 in den Lehrwerkstätten Bern möchte er gerne im Ausland arbeiten. Doch als er die Geschichte von einem Berufskollegen hört, der nach Ghana gegangen war und eine schwere Tropenkrankheit aufgelesen hatte, beschliessen Alois Schuler und seine Frau in der Schweiz zu bleiben. Als Kompromiss ziehen sie nach Morges, wo er seine Französischkenntnisse erweitern will, weil sein Berner Arbeitgeber zahlreiche Kunden in der Romandie hat.

Da bei der Tochtergesellschaft in Morges jedoch mehrheitlich Deutschschweizer tätig sind, lernt er nur wenig Französisch, dafür viel über den Wein: «Wie ich zum ersten Mal mit dabei war, als ein Winzer mit dem Refraktometer die Zuckerkonzentration des Traubenmosts mass, lief es mir kalt den Rücken hinunter.» Ihn lässt die Faszination nicht mehr los und er geht in den darauffolgenden zwei Jahren im Herbst einem Winzer helfen.

Als die beiden Töchter das Schulalter erreichen, zieht die Familie Schuler zurück nach Altdorf und der Wein rückt vorübergehend etwas in den Hintergrund. Bis Mitte der Achtziger Jahre ein Hobbywinzer in Flüelen unerwartet stirbt. Alois Schuler übernimmt den Betrieb des kleinen Rebbergs zusammen mit Zunftkollegen. Er besucht in Wädenswil Fachkurse und beginnt mit der Idee eines eigenen Rebbergs zu spielen. Als der Besitzer die Pacht in Flüelen nach vier Jahren nicht mehr verlängern will, beschliesst Alois Schuler seinen Traum wahrzumachen. Er kann von der Gemeinde Altdorf geeignetes Land nutzen und gründet das Weingut Rosenberg.

Im Herbst 1999 erntet er zusammen mit seiner Frau und zahlreichen Helferinnen und Helfern die ersten Trauben. Seither ist das Weingut in zwei weiteren Etappen auf 1,3 Hektaren mit Blauburgunder, Grauburgunder, Diolinoir und Solaris angewachsen. Die sonniger Lage unterhalb des Klosters Altdorf und der häufige Föhn sorgen für einen hohen natürlichen Zuckergehalt der Trauben.

Der meiste Wein geht direkt an Privatkunden. Lediglich zwei Restaurants in Altdorf führen ihn als Spezialität in ihrem Getränkesortiment. Wer Wein vom Rosenberg kaufen will, kann sich in eine Liste eintragen lassen und kriegt so den jährlichen Weinbrief. Danach ist schnelles Handeln erforderlich. Denn im Frühjahr ist der Wein bisher stets ausverkauft gewesen.

Doch das ist für Alois Schuler längst kein Grund sich zurückzulehnen. Ständig denkt er über neue Produkte nach oder verbessert mit eigenen Erfindungen sein Werkzeug und den Maschinenpark. Im nächsten Herbst will er den ersten Urner Barrique in Angriff nehmen. Der Kantonsförster hat ihm die schönste Urner Eiche ausgesucht, nun wird daraus ein Fass hergestellt, in dem später der Wein aus Altdorf ausgebaut, also veredelt wird.

Und obwohl Alois Schuler nächstes Jahr sein Pensionsalter erreicht, denkt er überhaupt nicht ans Aufhören. Vielmehr träumt er vom Ausbau auf vier Hektaren und den Übergang zu einem voll professionellen Betrieb inklusive Kellerei. Denn für ihn ist der Weinbau nicht eigentlich eine Arbeit, sondern eine grosse Passion.

Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich in der Schreinerzeitung erschienen.

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