Fleisch und Brot aus Lindenholz
12.12.2008 | Porträt | Holz, Kunst, Nidwalden, Schreiner, StansWenn Rochus Lussi in diesen Tagen zur Motorsäge greift, fallen keine Bäume und entstehen keine Holzhaufen, sondern goldgelbe Brotzöpfe, kleine Brötchen und zarte Fleischstücke. Der Stanser Künstler erschafft aus Holz faszinierende plastische Objekte, die er jeweils in kleineren oder grösseren Gruppen installiert.
In ihrer Ansammlung wirken seine Objekte auf den ersten Blick alle identisch, doch bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass dem nicht so ist. Mancherorts sind die ungleichen Merkmale offensichtlich, anderswo hingegen eher versteckt, immer aber spielt der Künstler bewusst mit dem gleichen Gegensatz: „Mich reizt das Thema der Masse, weil sie einerseits eine Einheit bildet, aber andererseits aus vielen Individuen besteht.“
Fasziniert vom Holz und seinen Eigenschaften als warmes und leicht zu bearbeitendes Material, wählt der Nidwaldner nach der obligatorischen Schulzeit den Schreinerberuf. Bereits kurze Zeit nach der Lehre besucht er in Brienz die Bildhauerschule mit dem Ziel, freischaffender Künstler zu werden. Später folgen Weiterbildungen an der Kunstgewerbeschule Luzern sowie ein Studienjahr in Prag.
Ungewöhnlich für einen Bildhauer ist die Tatsache, dass er bei seiner künstlerischen Tätigkeit auch modernste CNC-Fräsen einsetzt. Bei manchen Werken erstellt Rochus Lussi von Hand einen Prototyp und lässt diesen mittels Computer digitalisieren und automatisch vervielfältigen. Anschliessend entwickelt er diese massgefertigten Körper zu individuellen Objekten, indem er ihre Form anpasst, sie unterschiedlich einfärbt oder – bei menschlichen Figuren – die Gesichtszüge und Körperhaltungen verändert. So sind bereits Installationen mit Babys, Jungen und Herzen entstanden. Für Rochus Lussi stellt der Einsatz industrieller Produktionsmethoden keinen Widerspruch zu seiner Handarbeit dar: „Ich betrachte die gefrästen Rohlinge als Leinwand für meine eigentliche Arbeit. Sie alleine sind für mich noch kein Werk und somit wertlos.“
Entgegen der klassischen Bildhauerlehre geht der 43-Jährige auch frei damit um, Holz zu zersägen und wieder zusammen zu setzen: „Das gehört für mich zu meinem künstlerischen Prozess. Ich betrachte das Holz nicht als eigentliches Ausdrucksmittel, sondern lediglich als Material, mit dem ich arbeite. Aus diesem Grund ist es für mich auch nicht zentral, dass meine Werke auf den ersten Blick erkennbar aus Holz sind.“
Dies gilt auch für die Brot- und Fleischwaren, die er im Moment aus Lindenholz erschafft. Sie werden ab nächstem Sommer im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern zu sehen sein. Grund dafür ist das Ende der legendären Verkaufswagen der Migros. 1925 hatte Gottlieb Duttweiler diese Dienstleistung zur Versorgung von Gemeinden ohne eigene Filiale initiiert und vor genau einem Jahr wurde der letzte Verkaufswagen im Wallis aus dem Verkehr gezogen. Dieser Lastwagen kriegt nun einen Platz im Verkehrshaus und wird mit einem originalen Verkaufssortiment bestückt. Dazu gehören auch die Objekte von Rochus Lussi, mit denen er den Besucherinnen und Besuchern genau das vermittelt, was ihn als Künstler ständig bewegt: Seine Brote, Zöpfe und Koteletten werden als Massenprodukte angeboten – und doch wird kein einziges gleich sein wie das andere.
Link
www.rochuslussi.ch
Quelle: Dieser Artikel ist ursprünglich in der Schreinerzeitung erschienen.
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